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Ahlen-Vorhelm

»Mein Jugendparadies liegt in einer Ecke des Münsterlandes, recht im Herzen von Westfalen. Schon rückt von einer Seite die Industrie nahe heran mit ihren rauchenden Schloten, mit ihrem Lärm und Staub, aber noch ziehen die hohen Wälder eine schützende Wehr. Nach der anderen Seite hin ist es nicht weit bis zu den Heidestrichen mit ihren Einsamkeiten, ihren ernsten Föhrenbüschen und magern Äckern. Bei uns trägt ein schwerer fruchtbarer Boden Laubholz und goldigen Weizen, ein buntes Durcheinander von Wald, Feld und Wiese. Die Gegend ist eben, aber nicht flach und platt wie ein Tisch, sondern leicht auf- und niederschwellend, so daß hie und da ein weiter Ausblick vergönnt wird, über einen grünen Wiesengrund hinweg, den gelben Feldhang hinauf, bis zu fernen blauen Wäldern. [...] In diese stille Gegend passen die einsamen Gehöfte mit ihren mächtigen roten Dächern gut hinein, und was von dort herüberklingt, das Hundegebell, das Gackern der Hühner und das Schnattern der Enten, auch wohl ein schriller Hahnenschrei und eine hellgepfiffene Melodie, diese Bauernmusik stört den Frieden des stillen Landes ebenso wenig, wie das tausendstimmige Gezwitscher der Vögel. Und das Dorf? Nun ja, das schaut mit seinem Kirchturm recht stattlich herüber. Im Dorfe geht man zur Schule und feiert man den Sonntag, im übrigen aber ist das Dorf dem Bauernbuben aus dem Kirchspiel eine halbfremde Welt. Mit seinen geschlossenen Häuserreihen, wo einer dem anderen in Türe und Fenster schaut, hat es schon einen leisen feindseligen Hauch vom Stadtleben.« (Augustin Wibbelt in: Ein Heimatbuch, 1915)

Auf dem Wibbelt-Hof in der Vorhelmer Dorfbauerschaft Schäringerfeld verbrachte Augustin Wibbelt (1862-1947) seine Jugend. Im Alter – er ging erst 73jährig in Pension – zog es ihn auf den elterlichen Hof zurück. Die Hoffnung, hier das Glück der Kindheit wiederzufinden, erfüllte sich nur bedingt. »Worüm quamm ick wier trügg? / Bruoken is jä längst de Brügg, l jede Düör is to. / Sin so arm un was !i so riek- / Alles, alles is migliek, / Sliek nao'n Kiärkhoff to.« (In de late Tied)

In der Kapelle, die seine Familie für ihn auf dem elterlichen Hof erbaute, feierte Wibbelt bis zuletzt das Messopfer. Hier fand er auch seine letzte Ruhestätte (eine Umbettung vom Vorhelmer Friedhof erfolgte 1950).

Augustin Wibbelts Name steht nicht nur für den Dichter, sondern auch für einen unermüdlichen Seelsorger und hochgeschätzten Menschen ein. Sein Werk erfreut sich einer stetigen Beliebtheit. Über die Jahre hin erreichten seine Schriften eine stolze Auflagenhöhe. Das war schon zu Lebzeiten so. Damals erschienen seine plattdeutschen Werke in 72 Auflagen, bis heute sind es etwa 150. Neben Annette von Droste-Hülshoff (s.  Münster-Nienberge u.ö.) ist Wibbelt heute der meistgelesene westfälische Autor.

Die literarische Produktivität Wibbelts ist kaum zu überblicken. Er selbst meinte 1935:

»Nach der Arbeit am Ludgerusblatt kam die Periode der Bücherschreiberei, die sich so akut entwickelte, daß ich rückblickend mit dem weisen Sirach seufzen möchte. »Des Bücherschreibens ist kein Ende.«

»So kommen etwa 110 Bücher und Schriften zusammen, dazu – grob geschätzt – etwa 10.000 Schreibmaschinenseiten an Leitartikeln, Plaudereien etc. sowie weitere Veröffentlichungen in Zeitschriften und Heimatkalendern.« (Hans Taubken)

Wibbelt war zu bescheiden, um größeren literarischen Ruhm anzustreben. Nur ungern ließ er sich ins literarische Rampenlicht rücken. Sein Bekenntnis zur Mundartdichtung bedingte zunächst auch die Entscheidung für einen eingeschränkten Leserkreis und den Verzicht auf literarische Popularität außerhalb Westfalens (hier dachte Wibbelt anders als etwa Annette von Droste-Hülshoff, die bewusst Hochdeutsch schrieb). Wibbelts Anliegen – schon vor hundert Jahren – war, die plattdeutsche Sprache als Kulturgut zu bewahren: »Das Plattdeutsche ist meine Muttersprache, es ist eine Sprache, die alle Möglichkeiten poetischer Gestaltung in sich birgt, und sie ist in großer Gefahr, unterzugehen.« 

 Wibbelt besaß die Kunst, sich mit wenigen und einfachen Worten auszudrücken. Er schrieb mit ansteckender und entwaffnender Natürlichkeit. Seine Themen bezog er dabei aus dem Bereich des Menschlich-Allzumenschlichen. Fast schon sprichwörtlich geworden ist sein Humor. In seinen Lebenserinnerungen Der versunkene Garten ist nachzulesen, wie der strenge Vater den kurzsichtigen, für die Landwirtschaft ungeeigneten, dafür aber wissensdurstigen und lesefreudigen Sohn auf das Carolinum in Osnabrück schickte. Nach sehr gutem Abitur studierte er von 1883 an in Münster, Würzburg und Freiburg Altphilologie und Germanistik, daneben seit 1884 Theologie, der er sich 1885, inzwischen nach Münster zurückgekehrt, ganz zuwandte. Nach der Priesterweihe 1888 wurde Wibbelt Kaplan in Moers. Der einflußreiche katholische Publizist Franz Hülskamp (1833-1911), Entdecker und Förderer Wibbelts, betraute ihn Ende 1890 in Münster mit der Redaktion des Ludgerusblattes. Daneben war er an der Martinipfarre und in der Gefängnisseelsorge tätig. Eine ihm 1897 übertragene Kaplanstelle in Oedt (Kreis Kempen) ließ ihm genügend Zeit, um ein Jahr später mit der Arbeit Joseph von Görres als Litteraturhistoriker zu promovieren. Seit 1899 war Wibbelt in Duisburg Kaplan, Religionslehrer und Leiter mehrerer sozialer Vereine, bevor er 1906 Dorfpfarrer in Mehr bei Kleve am Niederrhein wurde.

Erste – nicht überlieferte – literarische Versuche unternahm Wibbelt als Zwölfjähriger. Seine frühesten plattdeutschen Gedichte verfasste er im Winter 1884 in Freiburg, wo er sich als Einjährig-Freiwilliger für die alemannischen Gedichte Johann Peter Hebels begeisterte. Die Vorliebe für die Mundartdichtung war dabei bereits durch Ferdinand Zumbroocks (s. Münster) Poetische Versuche in westfälischer Mundart (1846/47) vorbereitet worden. Im Ludgerusblatt veröffentlichte er seine schlagfertigen Drüke-Möhne-Dialoge (Wat de aolle Drüke Möhne daoto segg) und »übermütigen Geschichten, unaufdringlich lehrhafte, heitere Erfindungen, die, vorzüglich erzählt und für seinen Standort erstaunlich liberal, ihn sofort berühmt machen, obwohl sie noch der Döhnekes-Poesie nahestehen« (Renate von Heydebrand). Kein anderes plattdeutsches Buch hat die Volkstümlichkeit der Drüke-Möhne erreicht. Später hat Wibbelt die Geschichten in Buchform herausgegeben und daneben seinen humoristischen Erzählstil weiterentwickelt.

Neue Lebenserfahrungen fanden ihren Ausdruck in Wibbelts aktuellen, zeitkritischen Romanen, die seit 1900 entstanden, als er in Duisburg Kaplan und Vorsteher eines Arbeitervereins war. Stofflich aber blieb er seiner Heimat verbunden. Seine Romane Wildrups Hoff (1900), De Strunz (1902), Hus Dahlen (1903) und Schulte Witte (1906) befassen sich – ähnlich wie einige Erzählungen Karl Wagenfelds (s. Drensteinfurt, Lüdinghausen, Münster) – mit dem Verfall des Bauerntums am Rande der Industriegesellschaft. Während Wibbelts Zeit als Pfarrer in Mehr (1906-1935) erschienen unter anderem die drei Gedichtbände Mäten-Gaitlink, Pastraoten-Garten und De graue Tied. Kriegsgedichte in Münsterländischer Mundart sowie ein Pastoren-Roman (De Pastor von Dribeck) und drei Romane im bäuerlichen Milieu, De lärwschopp, Dat veerte Gebott und Ut de feldgraoe Tied. Der letztgenannte Titel gilt als Wibbelts reifstes Werk.

Mit der Redaktion der Christlichen Familie verminderte sich um 1918 die Erzählproduktion Wibbelts in niederdeutscher Sprache. Einen Jubiläumsband dieses Wochenblattes durfte er 1924 bei einer Privataudienz Papst Pius XI. überreichen. Dabei konnte er berichten, dass die Zahl der Bezieher nun über achtzigtausend betrage. In hochdeutschen essayistischen Werken wie den Büchern der Freude glaubte Wibbelt seit 1910, unmittelbarer wirken zu können. In den letzten Jahren seines Schaffens entstand noch der Lyrik-Band Aobend-Klocken (1934). Zum ungemein reichen Werk Wibbelts zählen weiterhin Märchenbücher, geistliche Gedichte und seelsorgerische Schriften.

Literarische Stätten: Wibbelt-Hof mit Kapelle und Grabstätte in der Bauerschaft Schäringerfeld. Am Eingang eine Gedenktafel; Wibbelt-Figurenbaum (Bildhauerplastik) an der Augustin-Wibbelt-Straße; Gedenkplastik am Vorhelmer Pilz.




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