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Es hat schon etwas Kurios-Widersprüchliches, wenn eine Stadt, die von ihrem Dichtersohn mit bitterstem Spott und Hohn bedacht wurde, nun für seinen Nachruhm zu sorgen hat. Christian Dietrich Grabbe (1801-1836) und Detmold verbindet so etwas wie eine Haßliebe.

Die Residenzstadt des abgekapselten Kleinfürstentums zählte 1806 ganze 311 Häuser und 2 200 Seelen – schlechte Startchancen für eine literarische Karriere, die Grabbe wie besessen verfolgte. Er atmete auf, als er zum Studium 1820 nach Leipzig und Berlin entfliehen konnte. Seine Eltern ließ er wissen, dass er sich niemals in Detmold niederlassen werde.

Nach dem vergeblichen Versuch, in Leipzig als Schauspieler Fuß zu fassen, folgte die unausweichliche und ernüchternde Rückkehr:

»Nun sitze ich hier in einer engen Kammer, ziehe die Gardinen vor, damit die Nachbarn mich nicht sehn, und weiß keine Menschen in den gesamten lippischen Landen, denen ich mich deutlich machen könnte [...]« Oder: »[...] in einer beschränkten, kleinen Stadt wie Detmold können mich die Leute nicht begreifen, und ich muß darin verkümmern wie welkes Laub; [...]. Ein weiteres Zeugnis: [...] daß ich in Detmold, wo mich niemand verstehen, sondern höchstens nur verachten kann, auf immer leben soll, werdet Ihr mir nicht zumuten [...].«

Grabbe war zu ›langjährigem Detmold‹ verurteilt:

»Bin [...] nach dem tristen Neste gestürzt, in welchem ich jetzt sitze und dessen Namen ich vor Ingrimm kaum ausschreiben kann, [...] In diesem Detmold, wo ich abgeschnitten von aller Literatur, Phantasie, Freunden und Vernunft bin, stehe ich [...] am Rande des Verderbens. Ich muß fort [...].«

Als sich dann doch, mühevoll, literarische Anerkennung einstellte und die Gründung des Hoftheaters, des heutigen Lippischen Landestheaters weitere Hoffnungen nährte, fand Grabbe mildere Worte. Für einige Zeit kam er sogar seinem Brotberuf als Auditeur (Militärgerichtsbeamter) gewissenhaft nach. Dann aber der Rückfall. Er provozierte erneut, eckte an, überarbeitete sich. Schließlich der Ausspruch: Doch doppelte Rollen (Auditeur und Poet) spiel ich nicht mehr.

Es kam zu Krankheiten und den schon früher häufigen Alkoholexzessen. Er erschien mit der Rumflasche im Dienst und soll, angetrunken und in Unterhosen, Frack und Pantoffeln, zwei lippische Offiziere vereidigt haben. Die Ehe – keine Liebesheirat – trieb ihn noch mehr in die Verzweiflung. 1834 quittierte er den Dienst, ging nach Frankfurt, später nach Düsseldorf, wo ihm sein Schriftstellerkollege Karl Leberecht Immermann (s. Münster, Soest) Hilfe angeboten hatte. Die Hoffnung auf eine freie Existenz als Dichter erfüllte sich jedoch nicht. Wieder in Detmold, wartete ein erbärmliches Ende auf ihn. Äußerlich völlig verkommen, von den Bürgern verspottet und ganz dem Alkohol verfallen, machte er sich an die Überarbeitung seines Dramas Die Hermannsschlacht. Dieses Werk ist so etwas wie eine späte Aussöhnung mit seiner Heimat. Vaterländische Töne klingen an: Alle Täler, all das Grün, alle Bäche, alle Eigentümlichkeiten der Bewohner des Lippischen Landes sollten in dem Stück vorkommen.

Der Einzelgänger Grabbe saß auch literarisch zwischen den Stühlen. Unerbittlich polemisierte er gegen den herrschenden, seichten Bühnengeschmack, ignorierte andererseits aber auch die klassischen Dramenmuster. Seine monumentalen und für ihre Zeit schockierend modernen Dramen galten lange als nicht aufführbar. Zu Lebzeiten kam nur ein einziges seiner Werke auf die Bühne. Was sollte ein Regisseur auch mit einer Regieanweisung aus Scherz, Satire und Ironie anfangen wie:

»Er [der Teufel] reißt sich mit der rechten Hand den linken Arm ab und prügelt damit die Naturhistoriker zur Stube hinaus, sitzt mitten im lodernden Kamine, schluckt glühende Kohlen herunter und schlägt dabei seinen Triller, daß Gott erbarm.«

Der Teufel entpuppt sich im weiteren Verlauf als leidenschaftlicher Sammler von unehelichen Maikäfern, fetten Gastwirten und jungen Bräuten. So geht es Schlag auf Schlag.

Das Interesse an Grabbe erwachte erst in den 1870er Jahren. Es erschienen erstmals vollständige Ausgaben seiner Werke. In der Weimarer Republik setzte eine regelrechte Grabbe-Renaissance ein. Der zerrissene Grabbe wurde plötzlich als ›faszinierend zeitgemäß‹ empfunden. Daran hat sich bis heute nichts geändert.

Literarische Stätten: Grabbes Wiege stand in einem Gebäude, «das jeder freie Mensch gern flieht«, heißt es in Ernst Willkomms (1810-1886) Nekrolog auf Grabbe. Zur Zeit von Grabbes Geburt versah sein Vater das Amt des Zuchtmeisters, was zur Folge hatte, dass Grabbe im Zuchthaus aufwuchs. Grabbe selbst hat auf den ungünstigen Ausgangspunkt seiner Biographie in einem Gespräch mit Immermann hingewiesen:

»Ach, was soll aus einem Menschen werden, dessen Gedächtnis das ist, einen alten Mörder in freier Luft spazieren geführt zu haben.«

 Heute ist das Grabbe-Haus auf der Bruchstraße 27 Sitz der Geschäftsstelle der seit 1937 bestehenden Grabbe-Gesellschaft. Ehemals im Besitz dieser Gesellschaft, ist es heute in städtischer Hand. Im Hause befindet sich weiterhin eine Studiobühne und ein Café.

Ferner ist dort als Dependance der Lippischen Landesbibliothek das Grabbe-Archiv Alfred Bergmann als Teil des Lippischen Literaturarchivs untergebracht. Das Lortzing-Archiv und das Freiligrath-Archiv gehören ebenfalls dazu.

Grabbes Sterbehaus, Unter der Wehme 7, dient heute als Café; seine Grabstätte ist auf dem ehemaligen Weinbergfriedhof (heute Park eines Detmolder Seniorenheims an der Paulinenstraße); Grabbe-Büsten befinden sich an der Lippischen Landesbibliothek und auf dem Hof des Grabbe-Gymnasiums; ein Gedenkstein im Vorgarten der ehemaligen elterlichen Laube, Palaisstraße 42, wo Grabbe 1818/19 den Gothland schrieb; Grabbes Nachlaß ist im Besitz des Lippischen Literaturarchivs der Lippischen Landesbibliothek Detmold; weitere Teile befinden sich in der Stadt- und Landesbibliothek Dortmund.

In Düsseldorf, wo Grabbe von Dezember 1834 bis Mai 1836 als Schriftsteller und Theaterkritiker lebte, wurde im Jahre 1986 eine Grabbe-Büste von dem Bildhauer Kurt Räder nach einem Entwurf von Walter Scheufen aus dem Jahre 1913 geschaffen.

Ferdinand Freiligrath (1810-1876) (s. Soest, Bielefeld, Leopoldshöhe-Niederbarkhausen) war zweifellos im 19. Jahrhundert der populärste westfälische Dichter. Seine Wüsten- und Löwenpoesie machte ihn über Nacht in ganz Deutschland bekannt. Die kraftstrotzenden, pathosüberschäumenden, in exotischen Gefilden angesiedelten Verse wirkten wie ein ›Donnerschlag‹. Adelbert von Chamisso: Seit dieser zu singen begonnen hat, sind wir andern Spatzen. Freiligrath selbst bezeichnete seine erste Schaffensphase später als

»im Grunde [...] revolutionär: es war die allerentschiedenste Opposition gegen die zahme Dichtung wie gegen die zahme Sozietät.«

Wegen ihrer offenkundigen poetischen Schwächen und aufgesetzten Schwülstigkeit hatte er freilich auch, insbesondere von Heinrich Heine (s. Paderborn, Unna), manchen Spott zu ertragen. Dennoch erlebte Freiligraths erste Gedichtausgabe aus dem Jahre 1838 Neuauflage auf Neuauflage.

Der Erfolg ließ Freiligrath auf ein freies, unabhängiges Schriftstellerdasein hoffen. Doch nicht nur seine Arbeiten am Malerischen und romantischen Westphalen (1842) scheiterten, sondern auch seine Versuche, an der populären Rheinromantik teilzuhaben. Ein Zeitschriftenprojekt, auf das Freiligrath finanziell gebaut hatte, kam ebenfalls nicht zustande. Fürs erste half eine 1842 vom preußischen König gestiftete Jahrespension von 300 Talern weiter. Diese trug ihm indes die Kritik der politischen Dichter ein und isolierte ihn von neuen Literaturströmungen. Später verzichtete er auf dieses Ehrengehalt.
Das Jahr 1844 eröffnete ein neues Kapitel in Freiligraths Literatenlaufbahn. Hatte er zuvor verkündet, dass ein Dichter nicht auf den Zinnen der Partei stehen dürfe, sondern von höherer, poetischer Warte aus spreche, vollzog er nun eine – im wahrsten Sinne des Wortes – radikale Kehrtwendung und veröffentlichte mit seinem Glaubensbekenntnis erstmals politisch-liberale Gedichte.

Mit einem Mal war er wieder in aller Munde, mußte allerdings nach London fliehen. Im Revolutionsjahr 1848 kehrte er zurück und beteiligte sich, unter anderem als Redakteur der Neuen Rheinischen Zeitung, aktiv an der politischen Bewegung. 1849 erschienen seine Neuen politischen und sozialen Gedichte. Zwei Jahre später mußte er, steckbrieflich gesucht, erneut ins kümmerliche Exil gehen, diesmal für 17 Jahre. Nach seiner Rückkehr veröffentlichte er einige Gedichte (Hurra, Germania!), die ihm als Gesinnungswandel und Verrat ausgelegt wurden. Mit politischen Progammen wollte der späte Freiligrath jedoch nicht mehr viel zu tun haben:

»Meinen Idealen, meinen Überzeugungen bleibe ich treu, aber mit Programmen und Manifesten bleibt mir vom Leibe.«

Literarische Stätten: Freiligraths Geburtshaus Unter der Wehme 5, direkt neben Grabbes Sterbehaus, beherbergt heute ein Geschäftshaus (Gedenktafel mit Porträt); Büste im Giebel eines Privathauses, in dem Freiligrath einige Zeit wohnte (Freiligrath-Straße). Freiligraths Nachlaß ist aufgesplittet. Die größten Teile befinden sich im Goethe-Schiller-Archiv Weimar, im Lippischen Literaturarchiv der Lippischen Landesbibliothek Detmold, in der Stadt- und Landesbibliothek Dortmund, der Universitätsbibliothek Münster, der Stadtbibliothek Soest, im Deutschen Literaturarchiv Marbach und im Heinrich Heine-Institut Düsseldorf.

Nur einen Steinwurf von Freiligraths Geburtshaus entfernt steht das Geburtshaus von Georg Weerth. »Alter 33 Jahre; Größe 6 Schuh 2 Zoll Cölnisch (1, 77); Haare blond; Stirn hoch; Augenbrauen blond; Augen braun; Nase groß, Bart blond; Kinn rund; Gesichtsfarbe gesund; keine besonderen Kennzeichen« – so das amtliche Stenogramm in Weerths Reisepaß, der ihm am 25. September 1855 ausgestellt wurde. Zu diesem Zeitpunkt hatte er seine literarische Vergangenheit längst hinter sich gelassen und war in seinen Kaufmannsberuf zurückgekehrt.

Georg Weerth, der aus bürgerlichem Elternhaus stammte, führte ein Leben zwischen Literatur, Politik und Handel. 14jährig verließ er Detmold, um in Elberfeld in eine Kaufmannslehre einzutreten. Neben seiner literarischen Tätigkeit, die er insgesamt nur etwa sieben Jahre lang intensiv ausübte, blieb er im Kaufmannsberuf tätig. Wie Grabbe weinte Weerth seiner Heimatstadt später keine Träne nach:

»Es ist hier eine sonderbare Wirtschaft – lauter Beamte, von denen einer höflicher ist wie der andre, Stadtgeklatsche, Kasinobälle, die fürstliche Familie und ein Theater – das ist alles.«

Weerth starb, von der Öffentlichkeit fast unbemerkt, 34jährig auf einer Handelsreise in Havanna am Tropenfieber. Sein Werk findet seit den 1960er Jahren wieder größere Beachtung.

Weerths literarisches und publizistisches Schaffen erreichte seinen Höhepunkt, als er 1848/49 das Feuilleton der später verbotenen Neuen Rheinischen Zeitung redigierte. Nur wenige konnten wie er mit der spitzen satirischen Feder umgehen.

»Weerth übernahm das Feuilleton, und ich bezweifle, ob je eine andere Zeitung ein so lustiges und schneidiges Feuilleton hatte [...] Ich nannte ihn den ersten und bedeutendsten Dichter des Proletariats. In der Tat sind seine sozialkritischen und politischen Gedichte denen Freiligraths an Originalität, Witz und namentlich an sinnlichem Feuer weit überlegen. Er wandte oft Heinesche Formen an, aber nur, um sie mit einem ganz originellen, selbständigen Inhalt zu füllen.«

Dieses Urteil stammt von keinem anderen als Friedrich Engels, mit dem Weerth – wie mit Karl Marx – lange Zeit befreundet war.

Im Feuilleton der Rheinischen Zeitung erschienen auch in Fortsetzungen Weerths Humoristische Skizzen aus dem deutschen Handelsleben und Leben und Taten des berühmten Ritters Schnapphanski. Das letztgenannte Werk, eine zynische Abrechnung mit dem preußischen Junkertum, brachte Weerth 1851 eine dreimonatige Haftstrafe ein.

Literarische Stätten: Weerths Geburtshaus in der Bruchstraße 2 mit Gedenkplakette; Denkmal für seinen Vater, den Generalsuperintendenten Ferdinand Weerth, auf dem Weerth-Platz; Nachlass und Sammlung im Lippischen Literaturarchiv der Lippischen Landesbibliothek Detmold; Briefe und Manuskripte im Internationalen Institut für Sozialgeschichte, Amsterdam.

»Detmold war eine jener kleinen Residenzen, die die Hauptstadt eines Ländchens sind, das für einen englischen Aristokraten nur ein mäßiger Grundbesitz sein würde [...] Der Regent des kleinen Staates war ein ehrlicher Mann, gut von Herzen, aber etwas beschränkten Verstandes, und von einer über alle Maßen gelinden Schüchternheit [...].«

 Malwida von Meysenbug (1816-1903), von der diese Zeilen stammen, wurde vor allem mit ihren Memoiren einer Idealistin (1869, viele Erweiterungen und Neuauflagen) bekannt. In dieser Autobiographie beschreibt sie unter anderem ihre Jugendjahre in Detmold (»unsere kleine Residenz im Norden«) und das Scheitern ihrer Liebesbeziehung zu dem Detmolder Theologen und politischen Schriftsteller Theodor Althaus.

Die Memoiren machten sie für viele Frauen des 19. Jahrhunderts zu einem Vorbild. Sie bringen Malwida von Meysenbugs persönliches Streben und Ringen um geistige Selbständigkeit zum Ausdruck und weisen einen, wenn auch untypischen, Weg der Emanzipation. Nachdem Malwida von Meysenbug Detmold verlassen hatte, arbeitete sie zunächst als Studentin, dann als Lehrerin an der Frauenhochschule des Reformpädagogen Karl Fröbel (Neffe Friedrich Fröbels) in Hamburg, übernahm Hauslehrerstellen oder lebte von Übersetzungen und anderen schriftstellerischen Einkünften. Nach einer Hausdurchsuchung, die aufgrund ihrer revolutionären Ansichten und Zugehörigkeit zur demokratischen Bewegung durchgeführt worden war, mußte sie 1852 fliehen. Sie ging zunächst nach London, wo sie mit Persönlichkeiten wie Guiseppe Garibaldi, G. Mazzini und Gottfried Kinkel (1815-1882) zusammentraf, hierauf nach Paris und schließlich nach Italien, wo sie bis zu ihrem Tode lebte. Ihr Grab liegt auf dem Ausländerfriedhof an der Cestius-Pyramide.

Nach ihrer gescheiterten Jugendliebe in Detmold blieb sie unverheiratet, prägte aber als Freundin das Leben so berühmter Künstler und Intellektueller wie Romain Rolland, Friedrich Nietzsche, Richard Wagner und Franz Liszt.

Literarische Stätte: Eine Tafel am rechten Torpfeiler des Durchgangs zur alten Superintendentur (hinter der Sparkasse am Markt) erinnert an die Gespräche, die Malwida von Meysenbug dort mit dem um sechs Jahre jüngeren Theodor Althaus geführt hat. Althaus' Vater hatte dort 1836 seine Dienstwohnung bezogen. Vorher hatte das Haus Generalsuperintendent Ferdinand Weerth mit Frau und Kindern bewohnt. Das Wohnhaus Malwida von Meysenbugs in den Jahren 1832 bis 1850 war in der Hornschen Straße Nr. 29. Seit 1986 besteht in Kassel eine Malwida von Meysenbug-Gesellschaft , die ein Jahrbuch herausgibt.

Der erwähnte Theodor Althaus (1822-1852) war ein idealistischer Demokrat im Gefolge von Ludwig Feuerbach und David Friedrich Strauß. Seine radikale Gesinnung verstellte ihm die Aussicht auf eine Habilitation. Er war Mitarbeiter mehrerer Zeitschriften und veröffentlichte daneben die Rheinfahrt im August (1846), Die Zukunft des Christentums (Darmstadt 1846), die politischen Märchen aus der Gegenwart (1848) und unter dem Titel Aus dem Gefängnis. Deutsche Erinnerungen und Ideale (1850) Aufzeichnungen aus seinen letzten Lebensjahren.

»Theodor Althaus, idealistischer Vorkämpfer der Revolution von 1848, starb außerhalb Lippes, in Gotha, schon 1852, noch nicht dreißigjährig, an den Folgen einer Kerkerhaft. Nach einem Studium der Theologie und Philosophie wurde er Publizist in Leipzig, dann Redakteur der Bremer »Weser-Zeitung«, dann der »Zeitung für Norddeutschland« in Hannover. Ein Artikel, in dem er zur bewaffneten Durchsetzung der Reichsverfassung aufforderte, brachte ihm 1849 die Verurteilung zu zwei Jahren Gefängnis ein, die seine Gesundheit ruinierten. Bekannt geworden ist er durch seine Schrift: Die Zukunft des Christentums (1846). Das Gesamtwerk Althaus', der auch Gedichte verfaßte, ist bis heute noch nicht erschlossen.« (Werner Broer)

Zwei weitere Detmolder Superintendenten waren literarisch tätig, so der Volks- und Erbauungsschriftsteller Ludwig Friedrich August von Cölln (*1753 Heiden/Lippe – †1804 Detmold) und Johann Ludwig Ewald (*1747 Dreieichen – 1822 Karlsruhe), der von 1781 bis 1805 in Detmold lebte. Dieser Freund Johann Heinrich Jung Stillings (s. Hilchenbach-Grund, Siegen), der in seiner Offenbacher Zeit (1770-1780) mit Johann Wolfgang von Goethe verkehrte, sich mit ihm später allerdings zerstritt, veröffentlichte neben zahlreichen Schulschriften und theologischen Traktaten auch Erziehungsratgeber mit sprechenden Titeln wie Die Kunst, ein gutes Mädchen, eine gute Gattin, Mutter und Hausfrau zu werden. Ein Handbuch für erwachsene Töchter, Gattinnen und Mütter (Bremen 1801) oder Der gute Jüngling, gute Gatte und Vater, oder Mittel, um es zu werden. Ein Gegenstück zu der Kunst, ein gutes Mädchen zu werden (Frankfurt/Main 1804).

Christian Friedrich Falkmann (*1782 Schötmar/Lippe – †1844 Detmold; Pseudonym: Wahrlieb, Eusebius) kam als Erzieher der beiden Prinzen von Lippe nach Detmold und wurde anschließend Rektor des Detmolder Gymnasiums. Dort förderte er Christian Dietrich Grabbe und Ferdinand Freiligrath, indem er sie insbesondere an Shakespeare und Schiller heranführte. Seine eigenen Poetischen Versuche (Göttingen 1816) sollen den Beifall Jean Paul Richters (1763-1825) gefunden haben. Ein weiteres eigenes Werk war seine Biographie Wundervolles Leben Joachim Murats (1816).

»Falkmann war bekannt mit einem großen Theile der älteren und neueren englischen Literatur, wie ihre Erzeugnisse in Zeitschriften, Romanen und anderweitigen Poesien nach Detmold gelangten, und stand außerdem mit manchen in dieser Kenntniß sich auszeichnenden Männern in lebhaftem Bücheraustausch und auch mündlichen, gelehrt-freundschaftlichem Verkehr. Jedoch Dasjenige, worin er als Lehrer nicht allein, sondern auch als Schriftsteller das Meiste leisten sollte, Dasjenige, was seinen Namen auch über die Grenzen seines kleinen Landes hinaustrug, sind die Verdienste, welche er sich um die wissenschaftliche Verarbeitung der deutschen Sprache [...] erworben hat.« (Neuer Nekrolog der Deutschen)

Zu letzterem Fach gehört Falkmanns Praktische Rhetorik oder Vollständiges Lehrbuch der deutschen Redekunst (Hannover 1835-1839).

Der aus Detmold gebürtige Johann Arnold Kanne (1773-1824; Pseudonym: Walter Bergius, Johannes Author) war ein Vertreter der sektiererischen Literatur. Nach dem Studium und Philologie war er Privatlehrer in Leipzig und Halle, wo er erste schriftstellerische Versuche in der Manier Jean Paul Richters unternahm. Nach einem unsteten Wanderleben lebte er später völlig verarmt »in romanhaft-abenteuerlichen Verhältnissen« (Goedeke) in Jena und Würzburg als freier Literat. Zu dieser Zeit widmete er sich mythologisch-geschichtsphilosophischen Studien, die ihn mit der Zensur in Konflikt brachten. Hilfesuchend wandte er sich an Jean Paul, der ihm die Veröffentlichung ermöglichte. Kanne war mehrfach im Kriegsdienst und in Kriegsgefangenschaft. 1809 wurde er auf Bitten Jean Pauls von Friedrich Heinrich Jacobi freigekauft. Hierauf versah er eine Professur für Geschichte am Realinstitut in Nürnberg. Im Jahre 1814, im Zeichen des pietistischen Erweckungsglaubens, vollzog er einen radikalen Bruch mit seinem bisherigen philosophischen Schaffen. Er verstarb 1824 als Professor für orientalische Sprachen in Erlangen.

»K. gehört zu den wenigen bekannten Vertretern einer insbes. an Schelling u. Friedrich Schlegel anknüpfenden Geschichtsmetaphysik, die sich auf vergleichende Mythendeutung u. auf Spekulationen über symbolhafte bzw. sprachgenealogisch zu bestimmten Archetypen einer histor. Tiefenstruktur verlegte. Ähnliche Ansätze finden sich bei Creuzer, Görres u. Jacob Grimm.« (Killy-Literaturlexikon)

»Er muß zu denjenigen Geistern [...] gerechnet werden, die, ausgerüstet mit hervorragenden Geistesgaben, dennoch unfähig waren, die Conflicte ihrer Zeit zu überwinden, um an diesen schließlich zu zerschellen (Heinrich von Kleist, Grabbe u.A.). Seine Biographie ist nichts als eine Kette von Kämpfen und Wandlungen in seinem Inneren, aber es fehlen die Ruhepunkte, [...].« (Allgemeine Deutsche Biographie)

Johann Friedrich Wilhelm Pustkuchen-Glanzow (*1793 Detmold – †1834 Wiebelskirchen/Saar) (s. Lemgo) erlangte durch seine Fälschungen von Goethes Wilhelm Meisters Wanderjahre, die etwa gleichzeitig mit den echten Wanderjahren erschienen, dubiosen Ruhm. Dieses fünfteilige Werk hat damals viel Staub aufgewirbelt.

»Im Jahre 1796 waren von Goethe erschienen »Wilhelm Meisters L e h r j a h r e«, jetzt (1821) tauchte plötzlich in Quedlinburg ein anonymes Werk unter dem Titel auf Wilhelm Meisters Wanderjahre auf. Das Buch hatte einen sensationellen Erfolg. Viele hielten es anfangs für eine literarische Arbeit Goethes. Es erschienen selbst in den geachteten Zeitschriften ernsthafte Besprechungen. [...] Als Schriftsteller hat sich Pustkuchen einen gewissen Namen gemacht. Die von ihm verfaßten Werke sind meist pädagogischen und biblisch-kritischen Inhalts, seine besondere Stärke lag wohl auf dem Gebiet der Fabeln und Romane. (Max Staerke)

Pustkuchen-Glanzow wurde 1793 als Sohn eines Kantors in Detmold geboren. Nach dem Studium der Theologie in Göttingen war er Hauslehrer in Pempelfort/Rheinland, Elberfeld und Leipzig, anschließend Prediger und Pfarrer in Hamminkeln bei Wesel und in Lieme bei Lemgo. 1827 schied er nach Streitigkeiten wegen eines von ihm verfaßten Katechismus' aus seinem Amt aus. Er arbeitete für vier Jahre als freier Schriftsteller und Zeitschriftenherausgeber, bevor er 1831 in Wiebelskirchen/Saar erneut eine Tätigkeit als Pfarrer annahm.

Joseph Plaut (*1879 Detmold – †1966 Bad Salzuflen), Sohn eines Rabbiners, ein Vortragskünstler, Kaufmann und Opernsänger, emigrierte 1933 zunächst nach Südafrika und dann nach England. 1952 kehrte er nach Detmold zurück.

Literarische Stätten: Wohnhaus Wehrenhagenstraße 16; Grab auf dem Jüdischen Friedhof, Spitzenkamptwete.

An weiteren Detmolder Schriftstellern seien erwähnt: Luise Koppen (1855-1923), Tochter eines Generalsuperintendenten in Detmold. Sie war für einige Zeit Lehrerin an der Detmolder Höheren Töchterschule. Die Erzählerin war rührige Mitarbeiterin des Familienblattes Daheim und Herausgeberin der Wochenzeitschrift Die deutsche Frau. Später lebte sie als freie Schriftstellerin in Berlin. Mit ihr befreundet war die früher vielgelesene Jugendschriftstellerin Frieda Schanz (1859-1944), die ebenfalls eine Zeitlang in Detmold lebte.

Otto Franzmeier (1885-1980), in Detmold geboren und verstorbener Heimatdichter, beschrieb die Stadt in Land des Glücks. Kindheitserinnerungen aus einer kleinen Residenz (1964) und Geliebtes Lipperland (Gedichte, Erinnerungen, 1967).

Literarische Stätten: Wohnhaus Richthofenstraße 54; Grab auf dem Alten Friedhof.

Weitere literarische Stätten: An den sog. Zieglerdichter Friedrich Wienke (1863-1930) erinnert ein Gedenkstein auf dem Brakelsieker Friedhof.

Eine Gedenktafel am ehemaligen Gasthaus Frankfurter Hof (Lange Straße 65), dem Eingang zum Schloßgarten gegenüber, trägt den Text: »Hier wohnte BRAHMS, / Hier hat LORTZING, GRABBE und FREILIGRATH getrunken, / Bis die Sonne durchs Fenster gewunken, / Dann sind sie leise nach Hause gehunken!«

Das Gymnasium in der Schülerstraße besuchten Freiligrath, Grabbe, Weerth und Althaus.

Am Leopoldinum war Georg Friedrich Jünger Schüler und auch Abiturient. Hierüber reflektiert er in seinem Werk Grüne Zweige (1951) und dem autobiographischen Roman Im Haus des Prinzen (1968).

In der Lippischen Landesbibliothek befinden sich unter anderem die Schriftstellernachlässe von Ludwig Altenbernd (1818-1890; Lyriker, Übersetzer), Friedrich Fischer-Friesenhausen (1886-1960, Lyriker, Verleger); Wilhelm Oesterhaus (1840-1927)  sowie der Nachlass von Georg Rosen (1820-1891), Orientalist und Generalkonsul.

Hinweise:  In Detmold ist zudem das Literaturbüro Ostwestfalen-Lippe ansässig.

Schauplatz: In Detmold spielen neben den genannten Erinnerungen viele Bearbeitungen von Grabbes Leben. So die Grabbe-Romane von Curt Elwenspoek Der höllische Krischan (Berlin 1936) und »... und nichts ist ihm geblieben« (Essen 1956), ebenso Paul Friedrichs Grabbe. Roman seines Lebens (Berlin 1935) und Thomas Valentins (s. Lippstadt) Grabbes letzter Sommer (1980). Weiterhin sind Edith Klipsteins Anna Linde (Roman, Hamburg 1935) zu nennen und Luise Koppens Kinderleben in einer kleinen Residenz (Berlin 1922).

Das jüdische Leben in Detmold bis 1933 wird beschrieben in Ruth Michaelis-Jenas Auch wir waren des Kaisers Kinder (Erinnerungen, 1985). Die Autorin emigrierte nach einer Kindheit in Detmold 1934 nach Edinburgh und veröffentlichte ihre Erinnerungen dort zunächst in englischer Sprache.

 Auch in Fritz von Unruhs (sein Vater stammte aus Detmold) Erinnerungen Im Haus des Prinzen (Roman, 1968) wird die Stadt porträtiert.

Im Zusammenhang mit Detmold darf das Hermannsdenkmal nicht unerwähnt bleiben. Die Fieberkurven der Arminiusbegeisterung (Hansen) beginnen 1725 mit Christoph Martin Wielands Hermann und setzen sich über Friedrich Gottlieb Klopstocks Hermanns Schlacht (1769), Heinrich von Kleists Die Hermannsschlacht (1808), Grabbes Die Hermannsschlacht (1835) bis zu Gerhart Hauptmanns Hermann-Epos (1882) fort. In der populären Literatur trieben sie unzählige Blüten, man vergleiche nur die Namensgebung der Periodika Hermann, Thusnelda und des westfälischen Hermannstaschenbuchs. Das Hermannsdenkmal wurde später immer mehr zum peinlichen Gradmesser des deutschen Nationalismus.

Heinrich Heine (s. Paderborn, Unna) spottete über den Hermann-Mythos 1844 in Deutschland ein Wintermärchen:

»Das ist der Teutoburger Wald, / den Tacitus beschrieben, / das ist der klassische Morast, / wo Varus stecken geblieben [...] / O Hermann, Dir verdanken wir das! / drum wird Dir, wie sich gebühret, / zu Detmold ein Monument gesetzt; / hab selber subskribieret.«

Schauplatz Externsteine: Konrad Maß: An den Externsteinen. Roman aus der deutschen Vergangenheit (Detmold 1920).




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