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1700-1800:

1766

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Justus Möser: »Westphälische Beyträge zum Nutzen und Vergnügen«

»In Westfalen, im Schlosse des Barons von Thunder-ten-tronckh, lebte ein Jüngling, der von Natur sehr sanftmütig geartet war. Sein Antlitz war seiner Seele Spiegel. Er war aufrichtigen und einfachen Geistes, und eben deshalb, glaube ich, war er Candid genannt worden.« Neben dem »Simplicissimus« spielt ein weiteres Werk der Weltliteratur teilweise auf westfälischem Boden. In seinem Roman »Candide« (1759) macht sich der französische Aufklärer Voltaire über die ungebildeten und kulturlosen Westfalen lustig. Von seinem westfälischen Schloss vertrieben, irrt Candide auf der Suche nach der besten aller Welten durch Länder und Kontinente, um nichts anderes zu finden als Unglück, Katastrophen, Krieg und Unterdrückung.... Über das Schloss selbst heißt es: »Der Herr Baron war einer der mächtigsten Edelherren Westfalens, denn sein Schloss hatte eine Tür und Fenster. Im großen Saal hing sogar ein Gobelin... Die Frau Baronin wog gut dreihundertfünfzig Pfund und genoss deswegen großes Ansehen... Ihre siebzehnjährige Tochter Kunigunde war rotbäckig, frisch, rundlich und appetitlich...«Voltaires Spott wollte man in Westfalen nicht unwidersprochen hinnehmen. Die wirksamsten Entgegnungen stammen von dem Aufklärer Justus Möser (1720-1794). Er verteidigte besondere die Voltaire fremde bäuerliche Lebensweise in Westfalen (»In großen Hütten, die man Häuser nennt, sieht man Tiere, die man Menschen nennt, die auf die herzlichste Weise von der Welt mitten unter den anderen Haustieren wohnen.«). Möser verfolgte volksaufklärerische Ziele. »Es war ihm daran gelegen, seinen Lesern lokalpatriotische Entscheidungen einsichtig zu machen, politisch-ökonomische Zusammenhänge zu erklären, privates und gesellschaftliches Verhalten darzustellen und lokale Eigenheiten unterhaltend vorzutragen.« (J. Grywatsch) Im Jahre 1746 begann Möser, der Zeitmode folgend, mit der Herausgabe einer Moralischen Wochenschrift (»Versuch einiger Gemälde von den Sitten unserer Zeit«). Seine Beiträge unterscheiden sich deutlich von den älteren Wochenschriften mit ihrer nüchternen Vernunftdiktion und strengen Tugendlehre. Möser hingegen bemühte sich um einen unterhaltenden, witzigen Stil. Als seine Hauptwerke gelten die »Patriotischen Phantasien« (1774-1786), eine Sammlung von 287 Aufsätzen, die zuvor in den Beilagen der »Wöchentlichen Osnabrücker Anzeigen« veröffentlicht worden waren, die Möser 16 Jahre lang redigierte.Mösers Abhandlungen sind typische Beispiele für die »Botschaft der Tugend«, die damals zum literarischen Programm erhoben wurde. Seit Mitte des 18. Jahrhunderts sagt sich die deutsche Literatur vom französischen Klassizismus los und sucht Anregung bei den Altklassikern und der englischen Literatur. Nach englischem Muster entstehen zwischen 1713 und 1750 in Deutschland viele hundert moralischer Wochenschriften, die wie ihre englischen Vorbilder die »Botschaft der Tugend« verbreiten. Bildung wurde zum Medium des sozialen Aufstiegs. In Westfalen lassen sich seit Mitte des 18. Jahrhunderts 19 moralische Wochenschriften nachweisen. Die bedeutendste trägt den Titel: »Westphälische Bemühungen zur Aufnahme des Geschmackes und der Sitten« (Bielefeld, Lemgo 1753-1755). Das Organ wandte sich an die »Liebhaber eines gereinigten Geschmaks und feiner Sitten in Westphalen«. Für die Weckung des literarischen Interesses und den Fortschritt der literarischen Bildung Westfalens im 18. Jahrhundert waren die periodischen Blätter von großer Bedeutung.


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