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1950-1975:

1959

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Paul Schallück: »Engelbert Reinecke«

Der Warendorfer Paul Schallück zählte in den 1950er Jahren zu den profiliertesten deutschen Autoren. Als sein Romandebüt »Wenn man aufhören könnte zu lügen« erschien, war er gerade 29 Jahre alt. Zwei Jahre später kam »Ankunft null Uhr zwölf« heraus, wiederum nur ein Jahr darauf »Die unsichtbare Pforte«, die Geschichte eines drogensüchtigen Kriegsheimkehrers. Schallück wurde schnell zu einem Hoffnungsträger der deutschen Literatur. Oft wurde er in einem Atemzug mit Heinrich Böll genannt. In Westfalen stand sein politisches Engagement im Verdacht der Nestbeschmutzung. Seine Geburtsstadt Warendorf verzieh ihm jahrelang nicht, dass sie offensichtlich das Modell des Romans »Engelbert Reinecke« abgegeben hatte.Schallücks Generalthema ist die Diskrepanz zwischen Wahrheit und Lüge. Seine Romanfiguren durchleiden diesen Kampf mit aller Schmerzhaftigkeit. Sie werden mit scheinbar unabänderlichen Gegebenheiten konfrontiert und erkennen zuletzt, dass sie nicht vor der Lebenslüge fliehen können. Die Devise lautet: Man muß sich stellen – trotz alledem. Und das heißt: Nicht verdrängen, sondern aufarbeiten, die gesellschaftlichen Missstände schonungslos beim Namen nennen. Siegfried Lenz: »So direkt, so ungeduldig und anklägerisch hat wohl kein Schriftsteller der Nachkriegsliteratur nach dem Verbleib der Wahrheit gefragt und nach den Schlussfolgerungen, zu denen sie uns zwingt.«Schallück verkörperte damals das vom Existentialismus geprägte Lebensgefühl der 30jährigen. Die Lebensperspektive seiner Romanfiguren ist vom Krieg und von den Folgen der Nachkriegsjahre regelrecht blockiert. Der Roman »Engelbert Reineke« erzählt die Geschichte eines jungen Lehrers, der an das Gymnasium seiner Heimatstadt kommt. Nach heftigen Gewissenskonflikten entschließt er sich, das Schicksal seines Vaters aufzudecken, der vom früheren Nazi-Direktor der Schule denunziert und dadurch in den Tod getrieben worden war. Der gesamte Roman spielt an jenem Tag, an dem Reineke zu diesem Entschluss gelangt.»Engelbert Reineke« zählt zu den bedeutendsten Zeugnissen der deutschen Literatur nach dem Zweiten Weltkrieg. Das Erscheinen des Buches war mit einem Novum in der deutschen Verlagsgeschichte verbunden. Es kam – in einer Auflage von 40000 Exemplaren – nicht als Hardcover, sondern als billige Taschenbuch-Ausgabe heraus. Autor und Verlag S. Fischer »wollten damit erreichen, dass das Buch auch wirklich dorthin gelangte, wo es hingehörte – in den Mief der letzten Kleinstadt, gegen den es ja so vehement geschrieben war.« (Viehbahn)Schallück arbeitete später für den Rundfunk und war vielfältig journalistisch tätig. Er veröffentlichte Essays, Kurzprosa, Gedichte, Theaterstücke sowie zahlreiche Fernseh- und Hörspiele. Gemeinsam mit Heinrich Böll war er Mitbegründer der deutsch-jüdischen Bibliothek »Germania Judaica«. In dieser Zeit arbeitete er maßgeblich in der »Kölnischen Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit« mit. Ab 1971 leitete er als Chefredakteur die »Dokumente – Zeitschrift für übernationale Zusammenarbeit«. Er war Mitglied der »Gruppe 47«, des PEN-Zentrums der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Sein Werk wurde mit bedeutenden Preisen ausgezeichnet.


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