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Regionale Anthologien spiegeln auf besondere Weise Zeitgeschichte. Die frühen westfälischen Taschenbücher und »Blütenlesen« der Biedermeierzeit sollten beispielsweise beweisen, dass Westfalen literarisch mit anderen Territorien mithalten konnte. Lokalpatriotismus und Westfalenstolz trieben unfreiwillig komische Blüten wie im »Driburger Taschenbuch« (1811, 1816) oder Moritz Bachmanns »Gunloda« (1832). Ähnliche lokalpatriotische Motive verfolgten etwa Hartmanns »Schatzkästlein westfälischer Dichtkunst in hoch- und plattdeutscher Sprache« (Minden 1885) oder Wilhelm Uhlmann-Bixterheides »Westfalens Erzähler und Dichter« (1922), um nur zwei von zahllosen Westfalen-Anthologien zu nennen. In den 1920er Jahren kamen die Anthologieprojekte eines Otto Wohlgemuth hinzu: Arbeiter suchen in ästhetischer Hinsicht (Buchschmuck!) Anschluss an die bürgerliche Kulturtradition. Repräsentativ für eine nationalkonservative Sicht (in der noch viel Geist der NS-Zeit mitschwingt) ist Josef Bergenthals einflussreiches »Westfälische Dichter der Gegenwart« (Münster 1953). Anthologien fungieren, wie dieses Beispiel zeigt, auch als »Filter«. Alternative Dichtung (Expressionismus, Dadaismus) hat keine Chance, aufgenommen zu werden. Im Zuge der politischen Dichtung im Umkreis der »Gruppe 61« und des »Werkkreises Literatur der Arbeitswelt« erlebte das Anthologiewesen in Westfalen einen neuen Aufschwung. Hier sind vor allem zahlreiche Projekte des Literaturmultiplikators Hugo Ernst Käufer (Jg. 1927) zu erwähnen. – Den Versuch einer Kanonbildung unternahm das 4-bändige Kompendium »Literatur in Nordrhein-Westfalen 1971-1994« (1995-1998): Von 2.000 Autorinnen und Autoren wurden etwa 260 in die engere Auswahl einbezogen und vorgestellt. Alternative Westfalenanthologien sind auch Dieter Sudhoffs »Westfälische Erzählungen. Von Peter Hille bis Ernst Meister« (1996) und Gerd Herholz’ »Die Welt in der Tasche. 25 Geschichten um Brooklyn und Buer, Lesen und Leben, Erinnern und Entkommen« (1996). Eine Sichtung moderner westfälischer Lyrik nahm 1989 die zweisprachige Anthologie »Lyrik seit 1960 / Poezie sinds 1960« vor, die aus dem Kulturaustausch des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe mit der belgischen Provinz Westflandern hervorging. – Und während alledem erlebt das nostalgische »Westfälische Hausbuch. Von guter alter Zeit an Ruhr und Sieg, Lippe und Ems: Geschichten, Bilder und Gedichte« unbeschadet Auflage um Auflage... – Auch das Niederdeutsche steht in der Anthologielandschaft nicht zurück. Ein repräsentatives Werk legte 1921 Wilhelm Uhlmann-Bixterheide vor: »Das plattdeutsche Westfalen. Ein Buch mundartlicher Heimatdichtung.« Einen Überblick über aktuelle niederdeutsche Mundartlyrik findet sich in Georg Bührens »Neue niederdeutsche Lyrik aus Westfalen« (1995). In »Alles pla(t)« führte André Hottenhuis 2002 niederländische und westfälische Autoren zwischen zwei Buchdeckeln zusammen – auch dies ein nennenswerter, konstruktiver Ansatz.

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