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Amalia von Gallitzin und ihr Zirkel, der sog. »Kreis von Münster«, prägte Ende des 18., Anfang des 19. Jahrhunderts maßgeblich das literarische Klima Münsters und seiner Umgebung. Er stand in dem Ruf, ein »westfälisches Weimar« zu sein. Im Blickfeld der Mitglieder war jedoch nicht die »schöne Literatur«, sondern religiös-philosophisches Erbauungsschrifttum. Das große literarische Vorbild des Gallitzin-Kreises war der empfindsame »Messias«-Dichter Friedrich Gottlieb Klopstock. Zeitweilig erwog man sogar, ihn zur Übersiedlung nach Westfalen zu bewegen. Eine zweite literarische Orientierungsinstanz war Goethe. Ihm hielt man jedoch nicht uneingeschränkt die Treue. Als der Galliztin-Kreis den »Dichterfürsten« 1785 in Weimar besuchte, standen nicht literarische, sondern reformpädagogische Fragen im Vordergrund. Die Fürstin war zwar von Goethe tief beeindruckt, der Kontakt brach jedoch für mehrere Jahre ab. Er wurde erst durch Goethes Besuch in Münster 1792 wiederbelebt. Die Wertschätzung Goethes seitens der »Familia sacra« konzentrierte sich »Götz von Berlichingen« (als nationales Manifest) und die »geläuterte« »Iphigenie«. Stellvertretend für das Urteil des Kreises ist eine Äußerung Friedrich Leopold zu Stolbergs: »Voll Genie. Sein Werther sehr gefährlich für die Jugend, so wie manche andere seiner Schriften. Vortrefflich und zu empfehlen sind sein Götz von Berlichingen, seine Iphigenie, sein Torquato Tasso und sein Gedicht Dorothea.« Kontakte des Kreises von Münster bestanden auch zu Johann Georg Hamann, einem der bedeutendsten philosophischen Dichter der Zeit. 1787 gelang es, ihn zu einer Reise nach Münster zu bewegen. Seine erste Begegnung mit der Fürstin Gallitzin schilderte Hamann mit den Worten: »Einer meiner angenehmsten und merkwürdigsten Tage, die ich in Münster erlebt, war der erste Besuch im Hause der Fürstin Gallitzin. Eines Hemsterhuis D i o t i m a ist eine so einzige Erscheinung in ihrer Art, daß ich armer Invalid eben so viel Zeit nöthig haben werde, den Schatz ihres Geistes und Herzens, als ihrer in allen Sprachen, Wissenschaften und Künsten reichen und prächtigen Sammlungen zu übersehen.« Die Fürstin wiederum notierte in ihrem Tagebuch: »so viel ahndet mir immer mehr – daß Hamann der wahreste Christ ist den ich noch gesehn habe. – seine dunkle redensarten, seine anscheinenden wiedersprüche, ruhen meistens aus der reinsten erhabensten Quelle.« Den Winter 1787/1788 verbrachte Hamann auf Schloss Welbergen bei Franz Kapar Bucholtz. Er starb am 22. Juni 1788 in Bucholtz’ Münsterer Stadthaus. Seine Grabstätte fand er im Garten der Fürstin Gallitzin. Ein Teil seines Nachlasses befindet sich in der Münsterer Universitäts- und Landesbibliothek.

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