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Beim Stichwort »Geniekult« fällt der Name Peter Hille ein. Der Dichterbohemien schrieb um 1900 in Berlin Literaturgeschichte. Der Kristallisationspunkt hierfür war in Hilles letzter Lebensphase das Berliner Weinlokal »Dalbelli«, in dem Freunde ihrem Idol ein literarisches Kabarett eingerichtet hatten. Auf dem Podium stand damals unter anderem Else Lasker-Schüler. Sie verehrte Hille wie einen Dichterguru und stilisierte ihn in ihrem »Peter Hille-Buch« (1906) zu einem Heiligen der Dichtkunst. Auch von anderer Seite (Erich Mühsam, Otto Julius Bierbaum, Detlev von Liliencron) wurde Hille höchste Wertschätzung zuteil. Das gilt bis in die heutige Zeit. Zahlreiche Künstler (Wulf Kirsten, Wolf Biermann, Peter Härtling, Günter Bruno Fuchs) erkennen sich in der Biografie dieses Literaturvaganten wieder, dem jede verzopfte Philistermoral verhasst war und der alles Schulmäßige als widernatürlich verurteilte. Hille wurde 1854 in Erwitzen bei Nieheim geboren. Wanderungen führten den ewig mittellosen Dichter durch ganz Europa, bevor er Berlin zu seinem Hauptwohnsitz auserkor. Dort waren er und Else Lasker-Schüler Stadtgespräch – Hille mit Rauschebart und Bettlerkleidung, sie ausstaffiert wie eine orientalische Prinzessin. Gemeinsam versuchten beide, die Fesseln der bürgerlichen Lebensweise abzustreifen und ihre literarisch-künstlerische Existenz radikal auszuleben. Unter dem Einfluss Hilles fand die ursprünglich malende Künstlerin zum Schreiben, das immer radikalere und eigenständigere Züge annahm. Hilles Stärke war die literarische Kurzform, vor allem der Aphorismus. Die strigente literarische Produktion war nicht seine Sache. Seine Texte schleppte er in Seesäcken mit sich herum, die er auch schon mal auf Bahnhöfen vergaß oder bei Vermietern als Pfand zurückließ – ohne sie später wieder einzulösen. Vor allem die Universität Paderborn machte sich um die Erforschung seiner Werke verdient. In den 1980er Jahren entstand, von Friedrich Kienecker hg., eine große 6-bändige Ausgabe. Hieran knüpfte die Universität 2004 mit der Einrichtung einer neuen Peter-Hille-Forschungsstelle an, die eng mit der Literaturkommission für Westfalen zusammenarbeitet. Erste Arbeitsergebnisse sind eine neue 2-bändige Werkausgabe Hilles, die auf Erstdrucke zu Lebzeiten zurückgeht, sowie eine umfangreiche, ebenfalls 2-bändige Dokumentation seiner Wirkungsgeschichte. Zu nennen ist ferner der Tagungsband »Prophet und Prinzessin. Peter Hille und Else Lasker-Schüler« (2006).

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